FUTURI Berufseinstieg

Erfahrungsbericht von Aaden aus Somalia.

Aaden* kam 2008 mit 16 Jahren als unbegleiteter minderjähriger Asylsuchender MNA in die Schweiz und lebte zuerst 7 Monate im MNA-Zentrum Lilienberg (ohne Beschulung), danach lebte er in verschiedenen Zürcher Gemeinden und lernte seine somalische Frau kennen. Heute hat die Familie 4 Söhne (2013, 2014, 2016, 2019). Aaden litt unter Angstzuständen aufgrund seiner Erlebnisse in Somalia. Deshalb ist er seit mehreren Jahren in psychiatrischer Behandlung. Er konnte in Somalia keine Schulen besuchen, in der Schweiz absolvierte er einen 4-monatigen Deutsch-Kurs auf Niveau A2. Er spricht gut und versteht auch gut Deutsch. Lesen und Schreiben bereiten ihm Mühe. Er arbeitete von 2009 bis 2012 in einer Hotelküche sowie im Hausdienst in einem Alterswohnheim. Sein gesundheitlicher Zustand führte jeweils zum Stellenverlust. Es kam in vorhersehbaren (z.B. Auslöser durch Messer) und unvorhersehbaren Situationen zu Angstzuständen. Aaden wollte sehr gerne zur Schule gehen und besser Deutsch lernen, auch war sein Ziel, eine Ausbildung zu absolvieren. Bisher durchlief er mehrere Integrationsprogramme, um ihn in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Die Programme wurden immer ohne Integrationserfolg und Anschlusslösung abgebrochen. Es fehlte die persönliche Betreuung, die für Aaden sehr wichtig war. 2017 wurde Aaden bei Futuri angemeldet mit dem Ziel, zu eruieren, welche Berufe sich hinsichtlich seiner Stärken, Interessen und Ängste eignen würden. Weiter mussten die Berufe in der Praxis ausprobiert werden, da die Ängste teilweise unvorhersehbar waren und die Auslöser nicht zum vornherein bekannt waren.

 

Zu Beginn des Beratungsprozesses wurde schnell deutlich, dass für einen Berufseinstieg die Deutschkenntnisse – insbesondere seine Lese- und Schreibkompetenzen – aufgebaut werden sollten. Die Stiftung Futuri suchte einen geeigneten Deutschkurs, der die besonderen Bedürfnisse von Aaden abdecken konnte. Anfang Mai 2017 startete er den Deutsch-Intensivkurs Niveau A2/B1 für Schulungewohnte. Da Aaden nie lesen und schreiben lernen konnte, hatte er Mühe, die schriftlichen Aufgaben selbständig zu lösen. Die Stiftung Futuri stellte ihm einen freiwilligen Mitarbeiter zur Seite, mit dem er vorerst einmal wöchentlich und zeitweise zwei Mal pro Woche nachmittags Deutsch üben konnte. Aaden besuchte den Deutschunterricht zuverlässig und machte kontinuierlich Fortschritte.

 

Parallel dazu kam Aaden regelmässig zu Coaching-Gesprächen. Dabei versuchte die Stiftung Futuri, geeignete Berufsfelder für einen Einstieg zu erarbeiten. Es kam allerdings immer wieder zu Phasen der psychischen Instabilität, die sich durch Schwindel und starke Angstzustände bemerkbar machten. Die Stiftung Futuri stand regelmässig im Austausch mit der behandelnden Psychiaterin. Diese empfahl, bei der beruflichen Integration von Aaden langsam und behutsam vorzugehen. Deshalb verlangsamten wir den Prozess und konzentrierten uns auf die Aktualisierung seines Bewerbungsdossiers und den Aufbau von Bewerbungskompetenzen. Immer wieder benötigte Aaden auch Unterstützung in Alltags-, Wohn-, Versicherungs- und Budgetfragen. Ende 2017 war der Belastungszustand von Aaden durch einen geplanten und wieder rückgängig gemachten Umzug besonders stark. Die Vermittlung auf den ersten Arbeitsmarkt war deshalb nicht realistisch. Gemeinsam mit allen Beteiligten wurde entschieden, auf Anfang Januar 2018 einen unbezahlten Arbeitsversuch zu planen. Damit konnte seine Leistungs- und Einsatzfähigkeit im Rahmen eines 50%-Berufseinstiegspraktikum von Januar bis März 2018 in einem Alterszentrum überprüft werden. Die Stiftung Futuri stand in engem Austausch mit der Heimleitung und Aaden. Seine Arbeitseinsätze wurden vom Pensum und Einsatzgebiet auf ihn zugeschnitten. Er arbeitete als Allrounder und wurde vorwiegend in der Reinigung eingesetzt. Vom Arbeitgeber erhielt er eine sehr positive Rückmeldung für seinen Einsatz. Leider verschlechterte sich in dieser Zeit sein psychischer Zustand massiv. Dazu kam, dass schwerwiegende Probleme in der Partnerschaft entstanden, die zur vorübergehenden Trennung führten. Diese Faktoren lösten viele Absenzen bei der Arbeit aus und Ende März wurde Aaden zu 100% krankgeschrieben. Das Praktikum konnte deshalb nicht mehr weitergeführt werden. Zusammen mit dem behandelnden Psychiater wurde von einem Eintritt in den ersten Arbeitsmarkt vorerst abgeraten. Aaden verfügte noch nicht über die nötige Stabilität und brachte die entsprechenden Anforderungen nicht mit. Bei der Stiftung Futuri konnte Aaden weiterhin das Angebot PC-Übungskurs, Computerplatz und Deutsch-Übungskurse nutzen. Zudem traf er sich weiterhin wöchentlich mit einem freiwilligen Mitarbeiter, um seine Schreib- und Lesekompetenzen zu festigen und zu fördern.

 

Aaden blieb mit seinem Job Coach bei der Stiftung Futuri stets in Kontakt. Das vertrauensvolle Beratungsverhältnis und die konstante Bezugsperson waren für den weiteren Verlauf im Integrationsprozess sehr wichtig. Dadurch erfuhren wir im April 2021, dass sich seine gesundheitliche und auch familiäre Situation stabilisierte und die Unterstützung für einen Berufseinstieg wieder aufgenommen werden konnte. Bei einem Runden Tisch mit der fallführenden Stelle, dem behandelnden Psychiater, Aaden und seiner Frau wurde ein schrittweiser Einstieg über ein Praktikum geplant. Dabei wurden auch die Erziehungs- und Betreuungsverantwortung des Ehepaars miteinbezogen und berücksichtigt. Die systemische Arbeitsweise durch den Einbezug aller Beteiligten – insbesondere auch des Familiensystems – sowie die wertschätzenden, transparenten Gespräche auf Augenhöhe ermöglichten, eine vertrauensvolle Beratungsbeziehung zu schaffen.

 

Von Mitte Mai 2021 bis Ende Oktober 2021 absolvierte Aaden ein Berufseinstiegspraktikum in der Hauswirtschaft/Reinigung eines Alterszentrums. Die Rückmeldungen waren diesmal sehr positiv. Es war ein deutlicher Fortschritt hinsichtlich Zuverlässigkeit, Konzentrations- und Aufnahmefähigkeit erkennbar. Aaden äusserte seit Programmstart den Wunsch, eine Ausbildung zu absolvieren. Leider war am Praktikumsplatz keine längerfristige Perspektive möglich, weshalb wir nach einer anderen Stelle suchten und in der Nähe seines Wohnortes auch fanden. Aaden erhielt eine bezahlte Praktikumsstelle, mit der Option, im Sommer 2022 bei Eignung eine Ausbildung in der Hauswirtschaft beginnen zu können. Im Laufe des Praktikums erkannte Aaden, dass eine Ausbildung für ihn in der aktuellen Familiensituation mit vier noch kleinen Kindern eine zu grosse Herausforderung wäre. Zudem stellte er das Ziel, wirtschaftlich unabhängig werden zu können, in den Vordergrund. Aaden erwähnte immer wieder, dass er gerne als Taxifahrer arbeiten würde und absolvierte nach bestandener Fahrprüfung auch noch die Taxifahrer-Prüfung. Bei Gesprächen mit dem Job Coach wurden ihm die unsicheren Berufsverhältnisse als Taxifahrer erklärt, deshalb entschied er, parallel noch eine Festanstellung zu suchen. Seit Februar 2022 arbeitet Aaden in einem 70%-Pensum in der Reinigung eines Zürcher Spitals, parallel hat er regelmässige private Aufträge als Fahrer. Mit diesen beiden Einkommen konnte er bereits zwei Monate den Lebensunterhalt der gesamten Familie selbständig erwirtschaften, was Aaden berechtigterweise sehr stolz macht. Da die Stelle beim Spital erst im September in eine unbefristete Festanstellung umgewandelt werden kann, bleibt das Job Coaching durch die Stiftung Futuri vorerst noch bestehen, um den Übergang zu sichern.

 

Dank einer konstanten Ansprech- und Bezugsperson und verlässlicher Arbeitsweise konnte der Integrationsprozess auch nach einem Unterbruch gemeinsam fortgeführt und gestaltet werden. 

 

 

(*Name geändert)

Alle Fotos zeigen Teilnehmende an den Integrationsprogrammen der Stiftung Futuri in ihrem Arbeitsumfeld. Sie haben sich mit der Veröffentlichung ihrer Fotos einverstanden erklärt.

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