Sequentielle Traumatisierung

Viele Flüchtlinge haben zwar schwere Erfahrungen oder Traumata in der Heimat oder auf dem Weg in die Schweiz erlitten, scheinen aber zunächst damit einigermassen zurecht zu kommen in der Hoffnung, hier ein neues Leben aufbauen zu können. Ihr gesundheitlicher Zustand verschlechtert sich aber mit der Zeit, unter anderem

-  durch die oft jahrelangen Asylverfahren und die dadurch erzwungene Untätigkeit in der Schweiz,

-  durch den unsichere Status F (vorläufige Aufnahme) mit dem nur einjährigen Bleiberecht und der Ungewissheit, ob und wie lange sie tatsächlich bleiben dürfen,

-  durch den Verlust des sozialen Netzes sowie den oft fehlenden Kontakt mit Zurückgebliebenen, die Ungewissheit über deren Verbleib und die fehlende Reiseerlaubnis für Besuche,

-  durch den Verlust der gemeinsamen Muttersprache, des kulturell vertrauten Systems und der selbstverständlichen Lebenswelt,

-  durch den Verlust von beruflicher Identität, Status und Perspektiven,

-  durch die Erfahrung, nicht wie in der Heimat relativ unbürokratisch eine Arbeit finden und damit ein eigenes Einkommen erwerben zu können, sondern vielmehr durch das Gesetz und den Arbeitsmarkt an einer Arbeitstätigkeit gehindert zu werden…

 

Aufgrund der prekären Situation und der erzwungenen Regression im Aufnahmeland verlieren die Betroffenen ihre anfängliche Zuversicht und entwickeln zunehmend diffuse Symptome wie Schwindel, Depressionen, Schmerzen, Angst- oder Schlafstörungen. Sie zeichnen sich einerseits durch grosse Ungeduld und Stress aus und wollen endlich vorwärtskommen und ein „normales Leben“ führen. Andererseits haben sie das Vertrauen in sich und ihre Möglichkeit, auf ihr Schicksal positiv Einfluss nehmen zu können verloren und betrachten auch den Staat und den Arbeitsmarkt mit Misstrauen oder Resignation.

 

Die Psychologen Hans Keilson und David Becker haben dafür das Konzept der sequentiellen Traumatisierung eingeführt und leiten daraus die Notwendigkeit ab, Flüchtlinge «gezielt zu fördern und ihnen zu erlauben, ein Leben zu führen, das so normal als möglich ist. Selbstverständlich brauchen manche Flüchtlinge Therapie, aber sicher nicht alle und immerzu. Was aber Alle brauchen ist die Möglichkeit, mit ihrer jeweiligen Geschichtlichkeit, ihren Stärken und Schwächen anerkannt zu werden, ebenso wie die existentielle Sicherheit und die Chance, sich zu entwickeln.»